Samstag, 22. Oktober 2011

The New Atheists

"I agree with Dawkins that the idea of God as a superterrestrial 'superintendent' of the universe [...] needs summary debunking. But [...] in addition to the practice of scientific negation, adopted by critics of religion, one sometimes finds the dubious use of bias to attack bias. [...] It is curious to note how Daniel Dennett  [...] characterizes the pathology of religion. He makes an analogy between religion and certain parasites. [...] The deployment of a biological term like 'virus' to indiscriminately describe all theists is, I think, disingenuous, especially if you consider how this might sound if one replaced 'theist' with 'black' oder 'Jew' or 'immigrant'. To dismiss roughly 90 percent of the world's population as disease carriers in the name of some indubitable empirical standpoint is to decline serious dialogue. Prejudicial language is no way to combat prejudice. Indeed the reduction of faith to the abuses of faith is, arguably, yet another form of abuse - a violence of interpretation that does a disservice to the generosity and rigor of science."

(aus: R. Kearney, "Anatheism", Columbia U.P., New York, 2010)

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Religion und Toleranz

Religionen glauben, im Besitz absoluter Wahrheit zu sein. Sind sie deswegen intolerant gegenüber Andersdenkenden? Der Vorwurf der Intoleranz wird heute oft gegenüber den Kirchen und ihrer Lehre erhoben. Die Liste der vermeintlich intoleranten Lehrinhalte der Kirchen ist bekanntlich lang. Doch wie steht es wirklich um das Verhältnis von Religion, ihrem Anspruch auf Wahrheit und Toleranz? 

(Das Folgende ist ein Exzerpt eines Vortrags von Harald Schöndorf SJ im Rahmen der Akademischen Feier der Hochschule für Philosophie und des Berchmanskollegs S.J. am 14. November 2008. Der Vortrag ist inzwischen auch in Stimmen der Zeit erschienen [genaue Angaben folgen noch].)

1. Wahrheit kann nicht intolerant sein, nur Menschen können intolerant sein
Es gibt aufgrund der Wortbedeutung nur tolerantes und intolerantes Verhalten, nicht aber eine „inolerante Wahrheit“. Die Wahrheit kann ebensowenig tolerant oder intolerant sein wie etwa die Naturwissenschaft oder die Menschenwürde. Sprachlich richtig wäre es zu sagen, dass die Überzeugung von der absoluten Wahrheit intolerant macht. Wer sich einer absoluten Wahrheit verpflichtet fühle, so lautet der Vorwurf, der toleriere keine Verhaltensweisen, die dieser absoluten Wahrheit entgegenstehen.

2. Toleranz setzt Wahrheit voraus
Toleranz ist nicht Akzeptanz und Billigung. Toleranz heißt, wörtlich übersetzt, Duldung – und zwar Duldung von Einstellungen und Verhaltensweisen, die ich nicht akzeptiere. Die Toleranz besteht aber nicht darin, daß ich etwas dulde, obwohl es mir aus irgendwelchen subjektiven Gründen nicht gefällt. Wäre das anders, so müßte ich jeden schon dann als tolerant bezeichnen, wenn er sich nicht wie ein willkürlicher Despot aufführt, und dies ist offensichtlich nicht das, was wir mit Toleranz meinen. Man kann erst dann von Toleranz sprechen, wenn es sich um die Duldung eines Verhaltens handelt, das ich mit guten Gründen objektiv nicht für richtig erachte.
Nur von dem, was ich nicht billige und was ich für objektiv nicht richtig erachte, kann ich sinnvollerweise sagen, dass ich es dennoch toleriere. Man kann aber nur dann etwas für objektiv falsch halten, wenn man davon überzeugt ist, daß es eine objektive Wahrheit gibt. Ohne die Überzeugung von der Wahrheit gibt es gar keine Toleranz.

3. Diskriminierungsverbot ist nicht gleich Kritikverbot
Nun gibt es heutzutage eine neue Tendenz, die nicht nur Toleranz, sondern Billigung fordert. Dies zeigt sich daran, dass man nicht nur die Ermöglichung der Ausübung bestimmter Verhaltensweisen verlangt, sondern darüber hinaus auch noch jede Kritik an diesem Verhalten verbieten möchte oder tatsächlich verbietet. In der freiheitlichen Demokratie kann ich aber von niemandem fordern, ein bestimmtes Verhalten nicht nur zu tolerieren, sondern auch für gut zu erklären. Wer dies verlangt, ist kein freiheitlicher Demokrat mehr, sondern verhält sich totalitär. Niemand hat das Recht, von mir zu fordern, dass ich sein Verhalten billigen müsse.
Rechtes auf freie Meinungsäußerung ist ja erst dann interessant, wenn es ein Recht darauf ist, andere zu kritisieren. Es steht aber außer Frage, dass es in einer freiheitlichen Demokratie immer erlaubt sein muß, eine sachlich begründete Kritik am Verhalten eines anderen vorzutragen. Eine sachliche Begründung setzt aber objektive Maßstäbe voraus, das heisst das Überzeugtsein von einer objektiven Wahrheit.

4. Absolute Wahrheit bedingt Gewaltfreiheit
Religionen behaupten, im Besitzt absoluter Wahrheit zu sein. Das lateinische Wort „absolut“ bedeutet, wenn man es wörtlich übersetzt, losgelöst. Absolut ist etwas, was rein in sich steht und von nichts anderem abhängig ist. Eine absolute Wahrheit ist unabhängig von irgendwelchen sonstigen Faktoren, Privatinteressen, Wünschen, von Machtansprüchen, von Gewaltphantasien und dergleichen mehr.
Man kann die Wahrheit nicht einem anderen mit Gewalt aufdrängen, denn die Wahrheit kann ihrem Wesen nach nur durch eine freie vernünftige Einsicht erkannt werden. Eine wirklich absolute, d.h. von allen Interessen und Emotionen befreite Wahrheit kann gar nicht zur Intoleranz führen, denn die Wahrheit kann nur in Freiheit als Überzeugung angenommen werden. Wer daran interessiert ist, den Gesprächspartner wirklich zu überzeugen und nicht nur rhetorisch zu überrumpeln oder zu zwingen, dem geht es in seinem Reden um die Wahrheit. Denn eine echte Überzeugung kann sich nur da einstellen, wo ich etwas für wahr halte.
Es ist Mode geworden, klare Überzeugungen als Ursprung von Gewalt zu brandmarken. Es ist unbestreitbar, dass die Überzeugung, im Besitz der Wahrheit zu sein, zu Überheblichkeit und Unduldsamkeit führen kann und oft auch geführt hat. Und es trifft ebenso zu, dass es den Fanatismus nur da gibt, wo Menschen sich für etwas einsetzen, und der schlimmste Fanatismus ist meist derjenige, der vorgibt, sich für die höchsten Werte einzusetzen. Auch hier gilt der alte Spruch „corruptio optimi pessima“ (die Verkehrung des Besten ist das Schlimmste). Zudem ist der Fanatismus nicht unbedingt die Verteidigung einer absoluten Wahrheit, sondern partikulärer Wahrheit die die nationale, ethnische oder kulturelle Identität, aber keine allumfassende Wahrheit betrifft.
Darum hat niemand so deutlich die Verkehrung des Religiösen angeprangert wie Jesus. Aber hieraus folgt nicht, daß das, was hier verkehrt wird, keinen Wert besäße. Bekanntlich entspringt der tiefste Hass oft enttäuschter Liebe. Aber hieraus wird doch kein auch nur halbwegs vernünftiger Mensch den Schluß ziehen, die Liebe als solche sei etwas Schlechtes und nicht erstrebenswert. So kann natürlich auch die Intoleranz aus einem falschen Verständnis von Wahrheit entspringen, ohne daß hieraus folgen würde, dass die Wahrheit als solche notwendigerweise zur Intoleranz führt.

5. Grenzenlose Toleranz ist selbstzerstörerisch
Konformismus oder aus bloßer Bequemlichkeit überhaupt darauf verzichten, die Wahrheit zu verteidigen hat nichts mehr mit Toleranz zu tun, sondern ist in Wirklichkeit die Vorstufe zu ihrer Abschaffung. Denn wo keine Werte und keine Wahrheiten mehr verteidigt werden, da hat der Intolerante leichtes Spiel, da setzt sich die Macht des Stärkeren durch, und auf längere Sicht wird die Ethik untergraben.
Es gibt zudem Fälle von Verhaltensweisen, die keinerlei Toleranz zulassen. Dies ist zweifellos dann der Fall, wenn die Duldung bestimmter Verhaltensweisen fundamentale Menschenrechte verletzt. Eine grenzenlose Toleranz wäre selbstzerstörerisch. Die Toleranz braucht also selbst eine wahre und unverrückbare Grundlage, um nicht zum Opfer der Intoleranten zu werden. Wir benötigen folglich die Überzeugung von unantastbaren Wahrheiten wie den Menschenrechten. Dies bedeutet aber nichts anderes, als dass das Bekenntnis zur Unantastbarkeit und Unaufgebbarkeit der Rechte und der Würde aller Menschen den Rang einer absoluten Wahrheit einnimmt. Die Toleranz benötigt also ein Fundament der Wahrheit, wenn sie nicht der Intoleranz zum Opfer fallen will.
Es bedarf darum immer der Besinnung auf unbestreitbare Grundlagen. Eine solche Besinnung hat aber immer die Form der Suche nach der Wahrheit, denn die bloße Konvention, die bloße Dezision kann nur eine vorübergehende Basis sein, sofern sie nicht auf einer tieferen Grundlage ruht, die von sich her Zustimmung verlangt, und dies ist die Wahrheit.

6. Religionen im Dienst der Menschenrechte
Der klare Beitrag, den Religionen hierzu leisten können, ist, dass sie auf höchste Weise begründen können, warum die Menschenwürde eine absolute Wahrheit ist. Denn es gibt kein höheres Argument dafür, als dass man die Menschenrechte im Absoluten selbst verankert, d.h. in Gott. Alle andere Begründung von Menschenrechten hätte letztlich etwas Relatives an sich, weil man sie in etwas Nicht-Absolutem begründet. Absolut, d.h. unabhängig von allem ist letztenendes nur Gott selbst.
Überall da, wo Religionen gegen die Menschenwürde verstoßen, handeln sie nicht im Dienst der absoluten Wahrheit, sondern haben ihr ureigenstes Wahrheitsverständnis korrumpiert.

Montag, 10. Oktober 2011

Mind, Metaphysics and Value

Ein sehr empfehlenswertes Buch über klassischen und Analytischen Thomismus:

Haldane, John (ed.), Mind, Metaphysics, and Value in the Thomistic and Analytical Traditions, Notre Dame: University of Notre Dame Press, 2002.

Eine sehr gute Besprechung dieses Buches findet sich im Thomist:

O'Callaghan, John P., "Thomism and Analytic Philosophy: A Discussion", in: The Thomist 71 (2007), 269-317.

Aus dieser Besprechung:

"The collection of essays Mind, Metaphysics, and Value in the Thomistic and Analytical Traditions, edited by John Haldane, is aimed at promoting a more fruitful engagement between the two traditions of its title. For complex historical and cultural reasons, the twentieth-century revival of Thomism tended in its encounter with contemporary philosophy to focus upon Continental European philosophy in its phenomenological and existentialist strains. With some notable exceptions, analytic philosophers often thought of Thomism as so thoroughly infected by the perceived authoritarianism of religion and the presuppositions of theism as to be discredited at the bar of philosophy. Thomists on their part tended to view analytic philosophy as deeply corrupted by Logical Positivism with its anti-metaphysical bias. This two-sided suspicion at times had more to do with mutual ignorance than considered philosophical dispute. - More recently, this suspicion has become weaker as a result of the work of analytic philosophers of theists like Michael Dummett, Alvin Plantinga, Richard Swinburne, and others. In addition, figures like Elizabeth Anscombe, Peter Geach, Alasdair McIntyre, Anthony Kenny, Norman Kretzmann, Eleanore Stump, Fergus Kerr, and Haldane have directly engaged Aquinas in their different ways with an eye toward the issues that concern analytic philosophy. [...] This volume is a welcome addition of high-quality papers to the thaw that has been taking place." (269f.)

Freitag, 7. Oktober 2011

Analytischer Molinismus

Im November erscheint ein Aufsatz, den ich mit zusammen mit meinem Doktorvater Pater Prof. Dr. G. Brüntrup SJ geschrieben habe, über göttliches Vorherwissen und menschliche Freiheit. Wir behandeln die aktuelle Debatte um die Theorie des spätscholastischen Jesuiten Luis de Molina (1535-1600) im Bereich der Analytischen Philosophie. Der Aufsatz ist m.E. ein Musterbeispiel dafür, wie man historische Theorien der Scholastik, aktuelle Philosophie und moderne mathematische Begriffsbildung zusammenführen kann.

Der Aufsatz trägt den Titel "How Molinists Can Have Their Cake and Eat It Too". Es sei aus der Einleitung zitiert:

The problem of Divine foreknowledge and human freedom bundles many great topics of analytic metaphysics into a focal point: causality and freedom, time and modality, and the semantics and ontology of counterfactuals. In this paper we will try to reconstruct Molina’s position within the contemporary analytic debate and specify to what extent Molina’s account of freedom can still be counted as a libertarian view: The Molinist claims to be a libertarian and nevertheless grants God full knowledge of future contingents with regard to human freedom. With disbelief many philosophers reply to this double-claim with "you can’t have it both ways" or "you can’t have the best of both worlds." We try to show that the Molinist can actually "have it both ways." There is a price to be paid, however: the notion of libertarian freedom has to be defined in a way that does not require an open future. In this paper we suggest such a notion based on the mathematical concept of a "choice-function."

Prof. Dr. Chr. Jäger vom Christlichen Institut der Universität Innsbruck hat bereits einen Gegenartikel zu unserem paper geschrieben. Er wird im selben Sammelband erscheinen. In diesem Band werden eine Reihe der renommiertesten analytischen Philosophen der Gegenwart vertreten sein.

Die Aufsätze von Jäger und uns sind für jeden zu empfehlen, der sich mit den aktuellen Entwicklungen in der analytischen Theologie auseinandersetzen will. Vorallem bieten diese Aufsätze auch Angriffspunkte für einen aktuellen Thomismus, der traditionellerweise quer zum Molinismus steht.

Sobald wir die fertigen Druckfahnen haben, werde ich hier auch den Titel des Bandes und die Seitenzahlen mitteilen.

Samstag, 1. Oktober 2011

Das Sein als solches in der kontemporären analytischen Metaphysik

Das Sein ist zweifellos einer der großen Angelpunkte der thomanischen (und der thomistischen) Philosophie. Das Seinsdenken ist ihr Wesenskern, den sie in die großen Ströme kontemporärer analytischer Diskurse einbringen kann. Wie steht es nun um die Seinsmetaphysik in der gegenwärtigen analytischen Philosophie und welche Zukunft hat der Thomismus in ihr?

Lange Zeit wurde das Sein in der analytischen Metaphysik völlig ignoriert oder nur in ontologisch ausgedünnten Theorien als bloße Existenz im Sinne der Heideggerschen "Vorhandenheit" behandelt. Die Metaphysik als umfassende Theorie des Seienden als Seiendem, als Theorie von allem schlechthin, wurde im analytischen Kontext vorallem von Nicholas Rescher (1) und Franz von Kutschera (2) in den Blick genommen (3). Unlängst ist mir die deutlich darüber hinausgehende, und sich dezidiert mit dem Sein als solchen und dem Sein als Vollkommenheitsfülle befassende Studie von Barry Miller ("The Fullness of Being") (4) untergekommen.

Doch das bemerkenswerteste Werk über das Sein in einem analytischen Kontext bilden wohl die beiden Bücher "Struktur und Sein" und "Sein und Gott" des münchner Philosophie-Emeritus und Findlay-Preisträgers der Metaphysical Society of America, Lorenz B. Puntel (5).

Nach Puntel stellt die Philosophie des Hl. Thomas eine "bedeutende, aber [...] unentfaltete Konzeption" des "esse/Seins" dar (6). Thomas fasse das Sein hauptsächlich nur als "actus essendi" auf, aber es gebe auch die klaren Stellen bei Thomas, in denen er das Sein als mehr als nur den Seinsakt anvisiere (7), und in denen er implizit einen bemerkenswerten "Gesamtsinn" von esse anspreche: Das totum esse als anfängliches Selbst des Seins, dessen "Selbstheit sich hinhaltlich durch die Momente des 'esse quid - etwas Bestimmtes sein' und 'esse in actu - im-Akt-sein' entfaltet" (8). Schließlich fasst Thomas bekannerweise dann auch Gott als das subsistierende Sein selbst, als das esse ipsum subsistens auf, auch wenn er an vielen Stellen Gott als ens bezeichnet (ens primum, ens supremum, maxime ens, usw.) (9). Interessanterweise, möchte ich anmerken, fällt Immanuel Kant hier wieder weit hinter die Einsichten des Hl. Thomas zurück, indem er Gott wieder nur als (wenn auch höchstes) Seiendes, als ens realissimum und nicht als Sein selbst auffasst.

Puntel selbst, der im Seinsdenken des Hl. Thomas doch den herausragendsten Ansatz einer 'full blown metaphysics of being' sieht (10), entwickelt in seiner "Struktural-systematischen Philosophie" (SSP) in "Struktur und Sein" und im 3. Kapitel von "Sein und Gott" eine monumentale Theorie des Seins als solchen und im Ganzen. Sein Grundgedanke sei von mir knapp - und natürlich unvollständig - zusammengefasst (11):

Die zwei fundamentalen Thesen der SSP sind zum einen die These der universalen Kohärenz des Seins und zum anderen die seiner universalen Intelligibilität und Ausdrückbarkeit. Die Kohärenzthese besagt, dass es keinen Subbereich des Seins bzw. keine Entitäten des Universums gibt, die völlig isoliert wären. Jeder Subbereich bzw. jede Entität ist nur im Rekurs auf alle anderen Subbereiche bzw. Entitäten vollbestimmt. Alles hängt mit allem zusammen; es gibt nur ein einziges Sein, in dem zwar Verschiedenheit der Entitäten vorliegt, aber keine Isolierbarkeit (12). Alles ist folglich Struktur als Zusammenhang. Das Sein ist die vollständige Struktur überhaupt, es ist struktural saturiert und allumfassend, es gibt keine weiteren Substrukturen, die nicht seiend wären.

Dies bedeutet insbesondere, dass für eine Theorie T gilt, dass sie nicht nur semiotisch Element des Universums ist, sondern auch semantisch: Die durch die semiotische Darstellung ausgedrückte semantische Struktur ist eingebettet in die Welt selbst und steht ihr nicht als isolierte Entität gegenüber. Es gibt also keine unüberbrückbare Kluft zwischen der Dimension der Theoretizität und der Seinsdimension. Das universe of discourse selbst (also die Gesamtheit dessen, was mit indikativen und deskriptiven Sätzen ausdrückbar ist) ist das Modell einer strukturalen Theorie (13). Eine semantische Struktur ist eine Substruktur des Seins. Es gilt sogar für alle Substrukturen des Seins, dass sie eine semantische Struktur sind: Dies ist die oben genannte These der universalen Ausdrückbarkeit bzw. Intelligibilität des Seins (14). Die Annahme, es existierte eine Substruktur des Seins, die nicht ausdrückbar wäre, ist widersprüchlich. Denn wenn es keine ausdrückende Instanz (d.h. Sprache) für diese Substruktur gäbe, welche sie als semantische Struktur enthält, dann kann diese Substruktur auch nicht als semantische Struktur in der Aussage, dass sie nicht ausdrückbar wäre, enthalten sein. Man könnte also überhaupt keine Aussage über diese Substruktur treffen, was offensichtlich dem Vollzug der Aussage selbst widerspricht.

Zwei wesentliche Folgerungen aus diesen beiden Kernthesen sind sodann: Erstens, aus der Ausdrückbarkeitsthese ergibt sich die Ablehnung einer naiven Substanzontologie: Eine Ontologie, welche unintelligible letzte Träger zulässt, ist zurückzuweisen (15).

Und zweitens: Da die Substanzontologie notwendige Voraussetzung der kompositionalen Semantik ist, muss diese (per modus tollens) ebenfalls aufgegeben werden. In der SSP wird daher eine (starke) Version des semantischen Kontextprinzips entwickelt. Dabei werden Primärsätze (oder Prim-Sätze) eingeführt, die weder singuläre Terme noch Prädikate beinhalten: "Es verhält sich so dass φ", wobei φ einen Sachverhalt ausdrückt (16). Das Expressum eines Primärsatzes ist eine Primärproposition (Prim-Propositionen). Auf der ontologischen Seite werden Primärstrukturen definiert als Mengen von Primärtatsachen, die von einer Familie von (ontologischen) Relationen verknüpft werden (dies können Zustände, Prozesse, usw. sein). Auch eine einfache Primärtatsache ist ein Relations- bzw. Funktionsnetz (17). Dabei sind alle Primärtatsachen originär, es gibt keine 'universalen' und keine 'einzelnen' Primärtatsachen ('einzeln' wäre wieder dem 'universalen' zugehörig), womit sich eine Nähe der SSP zur Trope-Theorie zeigt (18).

Die Kohärenzthese hat darüber hinaus eine weitere Konsequenz für Theorien über das Sein oder seine Teilbereiche: Es kann aufgrund des wesentlichen Zusammenhangs der Dinge miteinander keine isolierten Teilbereiche von Theorien geben, die abgeschlossen sind und voraussetzungslos für sich behandelt werden könnten. Jede theoretische Aussage ist nur innerhalb eines ganzen Theorierahmens sinnvoll, wobei der Theorierahmen die Gesamtheit der vorausgesetzten Sprache mit ihrer Syntax und Semantik, ihrer Logik und Begrifflichkeit ist.

Für die SSP ist also der Begriff einer prinzipiell sprachunabhängigen Welt oder auch nur von prinzipiell sprachunabhängigen Subbereichen der Welt nicht intelligibel und muss daher verworfen werden. Allerdings handelt es sich dabei nicht um die antirealistische These, dass eine von menschlicher Sprache unabhängige Welt unintelligibel sei. Die ausdrückende Instanz, von welcher die Welt nicht unabhängig sein kann, ist Sprache als semiotisches System mit überabzählbar-unendlich vielen Ausdrücken (19). Es handelt sich dabei natürlich nicht mehr um kontingente menschliche Sprache (20). Die Welt ist also nicht sprachunabhängig, aber sprachlich ist sie ready-made.

Das Sein als solches und im Ganzen "teilt" sich sodann nach Puntel in zwei "Dimensionen", einmal in die kontingente Seinsdimension und einmal in die absolut-notwendige Seinsdimension, welche die gesamte Strukturalität des Seins ausdrückt und ist, wobei die absolut-notwendige Dimension das personale Schöpfer-Absolute, der christliche Gott ist (21) -- also letztlich der creator spiritus oder intellectus infinitus, welcher ausgedrückte und ausdrückende Instanz des gesamten Seins zugleich ist. Die kontingente Seinsdimension hingegen ist vollständig abhängig von der absolut-notwendigen Seinsdimension und frei von ihr hervorgebracht (22).

Ich denke, hier bahnt sich im Raum der Analytischen Philosophie eine kaum zu unterschätzende Entwicklung an, die jeder ernsthafte und aufrichtige Thomist nicht ignorieren kann. Systeme wie "Structure and Being" sind definitiv keine philosophischen Eintagsfliegen. Sie bilden eine neue Etappe in der Philosophia perennis, und die Zukunft des Thomismus liegt ganz gewiß auch maßgeblich auf jenem Gebiet, welches diese neuen Theorien explizieren und vorzeichnen.



(1) Rescher, N.: A System of Pragmatic Idealism, Three Volumes, Priceton: Priceton UP, 1992–94.
(2) von Kutschera, F.: Die Teile der Philosophie und das Ganze der Wirklichkeit, Berlin, New York: de Gruyter., 1998.
(3) Vgl. Puntel, L.B.: Structure and Being. A Theoretical Framework for a Systematic Philosophy, Pennsylvania State University Press, 2008, 7f., Anm. 4. Deutsche Ausgabe: Struktur und Sein, Tübingen: Mohr Siebeck, 2006.
(4) Miller, B.: The Fullness of Being. A New Paradigm for Existence, New York: Notre Dame Press, 2002.
(5) Vgl. Angabe in (3) und Puntel, L.B.: Sein und Gott. Ein systematischer Ansatz in Auseinandersetzung mit M. Heidegger, É. Lévinas und J.-L. Marion, Tübingen: Mohr Siebeck, 2010.
(6) Vgl. Puntel 2010, 40.
(7) Vgl. Puntel 2010, 42. Auch gegenwärtige Vertreter des Analytischen Thomismus wie David Braine scheinen mir das Sein doch wesentlich nur als actus essendi aufzufassen, vgl. Braine, D.: "Aquinas, God and Being", in: Paterson, Craig und Pugh, Matthew (Hrsg.), Analytical Thomism. Traditions in Dialogue, Burlington: Ashgate, 2006, 1-25.
(8) Vgl. Puntel 2010, 43. Puntel verweist hier vorallem auf das 11. Kapitel des 4. Buches der ScG.
(9) Vgl. Puntel 2010, 44. Damit muss Thomas also gegen Heideggers Vorwurf der Seinsvergessenheit und der Onto-theologie verteidigt werden, vgl. Puntel 2010, 70: "Dass Heidegger gegenüber Thomas von Aquin von 'Seinsvergessenheit' spricht, zeugt von Unkenntnis des Thomasischen Denkens."
(10) Vgl. Puntel 2010, 268.
(11) Vgl. hierzu auch: Schneider, Chr.: Spontaneität und Freiheit. Ein ontologischer Theorieansatz, Habilitationsschrift an der LMU München, 2007, 25-37.
(12) Vgl. Puntel 2006, 585-586. Dies ist analog zum klassischen Transzendentale des unum, der Einheit des Seins (d.h. Kohärenz als inneres Strukturmoment des Seins, nicht als definiens des Seins).
(13) Vgl. Puntel 2006, 183-184.
(14) Vgl. Puntel 2006, 584-585.
(15) Vgl. Puntel 2006, 260. Ob dies auf die Substanzontologie des Hl. Thomas zutrifft, bezweifle ich. Puntel trifft mit seinem Verdikt viel eher die Substanzontologien der modernen analytischen Metaphysik, die alle eher einen Lockeschen Substanzbegriff vorauszusetzen scheinen.
(17) Vgl. Puntel 2006, 267-277.
(18) "Obwohl eine rein abstrakte Struktur, in sich betrachtet, ein sinnvoller Begriff bzw. eine sinnvolle Entität ist, kann man nicht sagen, dass die einfachen ontologischen Primärstrukturen als rein abstrakte Strukturen [...] verstanden werden können. [...] dass eine Relation oder Funktion angegeben wird, die jeweils eine einzelne Entität, hier: jeweils eine einzelne Primärtatsache betrifft. [...] Wenn die einfache Primärtatsache bestimmt begriffen wird, so wird sie – mindestens – als mit sich selbst identisch aufgefasst", Puntel 2006, 283.
(19) Vgl. Puntel 2006, 504-506.
(20) "X ist ausdrückbar nur dann, wenn es ein Y gibt, das die ausdrückende Instanz von X ist", Puntel 2006, 504.
(21) Vgl. Puntel 2010, 194.
(22) Vgl. Puntel 2010, 243ff.

So. Jetzt mit eigener Worthalde.

Der Titel dieses Blogs ist eine Reminiszenz an die alte Thomisten-Fachzeitschrift "Divus Thomas", bzw. an den Divus Thomas Freiburgensis (in Abhebung von der italienischen Ausgabe des DTh). Sie ist seit 1954 bekannt als "Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie". Als "Divus Thomas" war die aus der Freiburger Schule hervorgegangene Zeitschrift dezidiert thomistisch orientiert.

Als Schüler der Jesuiten in München wurde mir u.a. der klassische Thomismus und der transzendentale Neuthomismus gelehrt, letzterer bildete lange Jahrzehnte die beherrschende Tradition der münchner Jesuitenhochschule. Die andere philosophische Schule, in der ich an derselben Hochschule unterrichtet wurde, ist die der Renaissance der klassischen Metaphysik im Gewande der Analytischen Philosophie. Beide Schulen stehen in einer Konvergenz und in einer Spannung zugleich. In diesem Blogstrang, den ich in Erinnerung an die zahlreichen großen Aufsätze im "Divus Thomas", die mich bildeten und herausforderten, etwas hochtrabend "Divus Thomas Monacensis" nenne, beabsichtige ich, einige Gedanken zu Philosophie und Theologie aus der Perspektive der Denktradition und ihren Spannungen, in denen ich geistig aufgezogen wurde, interessierten Lesern zugänglich zu machen. Dass die Leserschaft nicht sehr groß sein wird, ist mir bewußt und wird gewiss auch der Spezifität der vorgelegten Postings geschuldet sein. Dennoch geschieht dies in der Überzeugung, dass der klassische Thomismus und der kontemporäre Analytische Thomismus zwei Gedankensysteme sind, die stärker konvergieren sollten und denen eine bedeutsame philosophische Zukunft zukommen kann.